Winter in Skandinavien
Winter in Skandinavien
Dunkle Wolken, prasselnder Regen, ein Schneesturm, der am Haus zerrt – für viele Menschen bedeutet schlechtes Wetter schlechte Laune. Bei Susa Schreiner ist es genau umgekehrt. Ihr Herz schlägt höher, wenn der Wetterbericht ein Tief meldet, ihr beim Radeln das Wasser in die Schuhe läuft und die Finger vor Kälte taub werden.
TEXT UND FOTO: Susa Schreiner
Es gibt Abende, die das Herz höherschlagen lassen – nicht wegen lauer Sommernächte, sondern wegen der Ankündigung eines Islandtiefs. Wenn Meteorologen von Sturmfronten sprechen, die das Land »ordentlich durchschütteln werden«, keimt in mir eine Vorfreude, die viele nicht nachvollziehen können. Während andere im Winter Richtung Karibik flüchten, fröne ich der Kälte und Dunkelheit. Wer je einen skandinavischen Winter erlebt hat, weiß: Es gibt kaum etwas Magischeres, als den Tanz der Polarlichter am nachtschwarzen Himmel zu beobachten. Idealerweise während man in der wohligen Wärme eines Whirlpools sitzt und die eisige Luft um einen flirrt.
Meine etwas andere Wetterliebe
Wenn sich der Himmel verdunkelt, die ersten Tropfen oder Schneeflocken an die Fensterscheiben klopfen, beginnt etwas in mir zu leuchten. Anstatt mich über nasskaltes Wetter aufzuregen, freue ich mich. Ich gebe zu: Es wirkt wie eine verkehrte Welt, in der ich lebe. Doch diese Umkehrung der Erwartungen ist kein skurriler Spleen, sondern eine bewusste Entscheidung für die Intensität der Elemente. Schlechtes Wetter ist ehrliches Wetter. Es täuscht nichts vor, ist unverstellt, roh, direkt. Der Wind raubt mir den Atem, die Nässe kriecht irgendwann durch jede Naht, die Kälte macht die Hände steif – und genau darin liegt seine Schönheit. In diesen Momenten wird Natur spürbar und echt.
Sturm satt – ein Urlaub im Tiefdruckgebiet
Einen meiner eindrucksvollsten Urlaube verbrachte ich vor einigen Jahren Anfang November in Norditalien. Die Wetterprognose: miserabel. Statt zu campen zogen wir in ein kleines Ferienhaus – mit Schwedenofen und Panoramafenster. Aber absagen? Niemals. Als wir ankamen, schien die Sonne. Ich arrangierte mich mit dem milden Herbstnachmittag – und wartete auf das Tief. Am nächsten Morgen war es da. Und blieb. Eine Woche lang. Unsere Vermieterin schrieb, es tue ihr leid wegen des Wetters. Ich antwortete, dass alles wunderbar sei – und tippte die Nachricht mit klammen Fingern, während mein Mann mir die steifgefrorenen Radhandschuhe auszog. Zuvor hatten wir 1000 Höhenmeter auf dem Rad im Regen absolviert, eingehüllt in Stille und Nebel. Kein Verkehr, kein Geräusch außer dem Atem, dem Regen, dem Rascheln nasser Blätter. Oben am Berg angekommen zog ich ein trockenes Shirt über und trank glücklich heißen Tee. Mein Mann und ich blickten uns verschwörerisch in die Augen. Wir hatten etwas erlebt, das kein Karibikurlaub je bieten kann. Die Rückfahrt war eine Taufe durch die Elemente. Wasserfontänen spritzten und wir lachten – laut, glücklich, wie Kinder, obwohl die Finger irgendwann so klamm waren, dass ich Hilfe beim Ausziehen brauchte.
Blauer Himmel? Langweilig!
Viele sehen die Dunkelheit des Winters als Mangel – ich sehe sie als Tiefe. Der blaue Himmel? Hübsch, ja, aber auch eindimensional. Die Dunkelheit dagegen spielt in unzähligen Nuancen. In Skandinavien, wo sie im Winter allgegenwärtig ist, zeigt sich die Dunkelheit von Grau- und Blautönen bis hin zu sattem schwarz. Sie kommt und geht mit sanften Pastelltönen. Und nicht zu vergessen die Polarlichter. Diese mystisch anmutenden Lichter am schwarzen Himmel. Sie regen meine Fantasie an, mal sehe ich in ihnen tanzende Elfen, mal ein wildgewordenes Neonschild. In jedem Fall ist es ein Naturschauspiel, dass mich verzaubert. Wintererlebnisse brennen sich in die Gedanken ein. Vielleicht, weil sie uns zwingen, sich ihnen zu stellen. Schlechtes Wetter duldet keine Ablenkung. Wenn Sturm und Schnee mich umtoben, zählt nur der Moment und das Gefühl, lebendig zu sein. Und dann diese tief empfundene Dankbarkeit, nach einem sehr kalten Wintertag draußen, den Körper in der Sauna aufwärmen zu können – herrlich.
Manchmal muss man sich richtig durchnässen lassen
Diese Zeilen sind meine Liebeserklärung an die dunkle, kalte Jahreszeit. Und sie sind ein Aufruf rauszugehen, gerade dann, wenn’s am ungemütlichsten ist. Wer sich drauf einlässt erlebt keine graue Welt, sondern eine Welt voller Tiefe, Stille und Klarheit. Eine Welt, in der jeder Schritt zählt. Denn manchmal muss man sich richtig durchnässen lassen, um zu begreifen, was es heißt, wirklich lebendig zu sein. Meinetwegen kann der Winter also kommen und ich wünsche ihn mir wie früher: mit Sturm, Schnee und allem Drum und Dran. Und wenn die alten Königskerzenleser und Wetterprognosen recht behalten, wird er schneereich.