GLOBETROTTER BLOG AWARD | BEST STORY Winter 2025
»Die Samen – Das letzte indigene Volk Europas«
Mit dem Globetrotter Blog Award zeichnen wir besonders gute, informative und fesselnde Outdoor-Geschichten aus. Die vierte Gewinnerin ist Anuschka Dinter-Mathei, mit ihrem Blog »Rosas Reisen«.
In ihrem Erlebnisbericht nimmt uns Anuschka mit in den hohen Norden, ins Reich der Samen, Europas letztem indigenen Volk. Sie begleitet Rentierherden, lernt alte Bräuche kennen und zeigt, wie das Volk mit der rauen nordischen Natur lebt – vor dem Hintergrund einer langen Geschichte und politischer Auseinandersetzungen um Sprache, Rechte und Identität.
Bevor es zur ganzen Story geht, hat Anuschka uns noch fünf Fragen beantwortet …
… liebt den Norden. Vielleicht war das bei ihrem Namen auch Schicksal, sie selbst hat ihre Liebe zur Arktis 2013 in Finnland entdeckt. Seitdem reist sie bevorzugt in polare Gefilde wie Alaska, Grönland oder Spitzbergen und berichtet darüber auf ihrem Blog »Rosas Reisen«.
Wer bist du, wo kommst du her?
Ich heiße Anuschka, komme aus Köln und lebe momentan in der Nähe von Marburg, aber gedanklich und auch physisch zieht es mich sehr oft in die Ferne. Besonders der Norden hat es mir angetan: Seit einer Reise nach Nordfinnland im Jahr 2013 lässt mich die Arktis nicht mehr los. Schnee, Eis, Weite und Kälte sind für mich kein Hindernis, sondern pures Glück. Denn nirgendwo fühle ich mich so frei und unbeschwert, wie »da oben«.
Da ich mich unsterblich in die Polarregionen verliebt habe, geht es für mich also seit Jahren immer wieder dorthin. Mal für einen ganzen Winter, um Schlittenhunde zu trainieren, mal auf eine Umrundung von Spitzbergen mit dem Expeditionskreuzfahrtschiff, das ich als wissenschaftliche Expertin begleite.
Ich liebe es, draußen unterwegs zu sein, die Natur intensiv zu erleben und mich immer wieder auf neue Abenteuer einzulassen. Auf meinen Reisen begleitet mich oft Rosa, ein großes Kuscheltiernilpferd, das nicht nur Namensgeberin meines Blogs ist, sondern auch ein kleiner »Eisbrecher« im Umgang mit anderen Menschen.
Worüber schreibst du in deinem Blog?
Auf meinem Blog »Rosas Reisen« schreibe ich vor allem über abenteuerliches Reisen, Outdoor-Erlebnisse und die Natur, mit einem klaren Schwerpunkt auf kalten, wilden Regionen und den Polargebieten. Ob Huskytouren in Skandinavien, Expeditionen nach Grönland oder Schneemobiltouren auf Spitzbergen, am liebsten bin ich dort unterwegs, wo es rau, still und ursprünglich ist. Ich ziehe Berge den Stränden, Lagerfeuer den Clubnächten und Einsamkeit den Menschenmassen jederzeit vor. Das heißt, auf dem Blog findet sich einiges zu Outdoorabenteuern, Wandern und Natur, weniger zu Städtetrips. Wobei auch die vorkommen.
Mir geht es aber weniger um klassische Reisetipps oder »Must-see-Listen«, die mittlerweile die KI schneller und vielleicht sogar genauso gut erstellen kann, sondern um ehrliche, persönliche Geschichten, um Erlebnisse, Gefühle und kleine Momente unterwegs. Der Blog ist mein Hobby und mein kreatives Ventil: Ein Ort, an dem ich meine Begeisterung für das Reisen, die Wildnis und das Unterwegssein teilen kann. Wie ich hoffe authentisch, mit Humor und einer großen Portion Abenteuerlust.
Als Historikerin liegt mir aber nicht nur die Gegenwart am Herzen, sondern auch die Vergangenheit, die Geschichte von Gegenden und den dort lebenden Menschen. Und so finden sich auf meinem Blog auch immer wieder Artikel, die historisches Hintergrundwissen liefern, sei das zu heldenhaften Schlittenhunden, die 1925 ein Städtchen in Alaska retteten oder über blubbernde Tranöfen in Smeerenburg auf Spitzbergen, in denen niederländische Walfänger im 17. Jahrhundert den Walspeck ihrer Beute auskochten.
Warum lag dir diese Reise besonders am Herzen?
Am Inari-See hat alles angefangen, hier habe ich vor mittlerweile 13 Jahre das erste Mal Fuß auf arktischen Boden gesetzt. Hier ist das noch fehlende Puzzleteil in meinem Herzen an seinen Platz gefallen und hat mir das Gefühl gegeben, endlich das gefunden zu haben, wonach ich gesucht hatte.
Und so habe ich mich wahnsinnig gefreut, nach über einem Jahrzehnt an diesen Ort zurückzukehren, auf meinen eigenen Spuren und den Anfängen all dessen zu wandeln, was mittlerweile mein chaotisches, stressiges, aber wunderschönes, abenteuerliches Leben ist. Denn wäre ich damals nicht hierhin gekommen, wäre mein Leben wohl ganz anders verlaufen.
Umso schöner war es für mich, mit meiner Mutter in diese Region reisen zu können. Nachdem ich ihr jahrelang in den Ohren gelegen hatte, dass es nichts Schöneres auf der Welt gibt, als die Arktis, hat sie gesagt: »Dann nimm mich doch mal mit, damit ich all diese Schönheit mit eigenen Augen sehen kann.« Gesagt, getan.
Ich war so neugierig, wie sich der Ort in den letzten Jahren verändert hat, was ich wiedererkennen, wen ich diesmal kennenlernen und wem ich alles begegnen würde.
Wie hat dich diese Reise an deine Grenzen gebracht?
Reisen in arktische Gebiete sind im wahrsten Sinne des Wortes Grenzerfahrungen, denn wir überschreiten dabei nicht nur Ländergrenzen, sondern auch die Grenzen unserer Komfortzone. Wo würde man sonst freiwillig bei -30 °C draußen herumturnen?
Gerade dieser krasse Gegensatz zu meinen normalen Lebensbedingungen ist es aber, der eine solche Faszination auf mich ausübt. Dinge, die zu Hause alltäglich sind und die man so nebenher erledigt, erfordern hier deine gesamte Aufmerksamkeit. Du musst wirklich da sein, im Moment, fokussiert und wach. Denn schon kleine Missgeschicke können hier oben katastrophale Folgen haben, wenn man sich nicht auf das Hier und Jetzt konzentriert.
Mir macht das aber keine Angst, auch wenn ich mir bei -58 °C schon mal böse die Füße erfroren habe. Ganz im Gegenteil, es führt dazu, dass ich mutiger, stärker und glücklicher werde, als ich mir das jemals hätte träumen lassen.
Diese Reise hat mich aber durchaus an andere Grenzen gebracht, diesmal waren es eher emotionale Schutzwälle, die eingerissen wurden. Wälle, die jeder und jede von uns hat, damit einen die täglichen schlechten Nachrichten nicht in den Wahnsinn treiben. Konkret lassen sich hier oben die Augen vor den Folgen des Klimawandels nicht mehr verschließen. Sie sind sichtbar, fühlbar, erlebbar und damit ein unübersehbarer Wegweiser für die Zukunft.
Auf der anderen Seite bin ich auf dieser Reise mit Hilfe der Familie Paader auch tief in die Vergangenheit eingetaucht und habe mich zum ersten Mal ganz intensiv mit der leidvollen Geschichte der Samen, dem letzten indigenen Volk Europas, beschäftigt.
Warum ist eine Reise zu den Samen so interessant und bereichernd?
Eine Reise nach Sápmi, also in die Heimat der Samen, ist für mich viel mehr als nur ein weiterer Punkt auf meiner Reiseliste. Es ist für mich eine Reise durch die Zeit, in eine Welt, die authentisch, lebendig und zutiefst verbunden mit der Natur ist. Die Samen sind eines der ältesten indigenen Völker Europas, deren Kultur, Sprache und Lebensweise seit Jahrhunderten eng mit den weiten Landschaften des Nordens verwoben sind. Ihre Heimat erstreckt sich über Norwegen, Schweden, Finnland und Teile Russlands und dennoch haben viele Menschen noch nie von ihnen gehört. Was diese Begegnung so bereichernd macht, ist, dass du hier zwar (da müssen wir ehrlich mit uns sein) auf den ersten Blick eine touristische Kulisse erlebst, sich dahinter aber echtes Leben und echte Geschichten verbergen, die sofort zu Tage treten, wenn du nur fragst und Interesse hast.
Besonders beeindruckend und bewegend ist der lange Kampf der Samen um ihre eigene Identität. Über Jahrhunderte hinweg wurden sie in den nordischen Ländern systematisch unterdrückt, ausgegrenzt und zur Anpassung gezwungen. Ihre Sprache galt als rückständig, samische Kinder durften sie in Schulen oft nicht sprechen, traditionelle Kleidung und Bräuche wurden belächelt oder verboten. In Norwegen zum Beispiel existierte lange eine sogenannte »Norwegisierungspolitik«, deren Ziel es war, die samische Kultur auszulöschen. Ähnliche Entwicklungen gab es auch in Schweden und Finnland. Dieser Verlust an Sprache, Selbstwert und kultureller Sichtbarkeit hat tiefe Spuren hinterlassen. Viele Samen haben erst spät oder gar nicht gelernt, stolz auf ihre Herkunft zu sein, weil ihnen genau das über Jahrzehnte aberzogen wurde. Umso beeindruckender ist es, mit welcher Kraft die samische Kultur heute wieder gelebt und verteidigt wird. Sprache wird neu gelernt, Traditionen werden bewusst weitergegeben, junge Menschen kämpfen politisch und gesellschaftlich für Anerkennung, Rechte und Selbstbestimmung.
Auch heute ist dieser Kampf noch nicht vorbei. Fragen rund um Landrechte, Rentierhaltung, Rohstoffabbau und Klimawandel zeigen, wie verletzlich indigene Lebensweisen nach wie vor sind. Und ich glaube, dass auch diejenigen, die zwar nicht persönlich betroffen sind, so wie ich, trotzdem ihre eigenen Medien nutzen können und sollten, um nicht nur über wunderschöne Reisen zu berichten, sondern auch solche Dinge zu thematisieren.
Denn in der heutigen Welt ist Aufmerksamkeit eine kostbare Währung, mit deren Hilfe schon Grenzen überschritten, Mauern eingerissen und unvermeidlich erscheinende Katastrophen verhindert wurden. Und wenn ich mit meinem Blog und meinen Artikeln dazu betragen kann, dass die Region, die ich mehr liebe als alle anderen auf der Welt, die Arktis, ein bisschen mehr Aufmerksamkeit erhält, dann ist das für mich der (zweit)schönste Award. 😉
Die ganze Geschichte über Anuschkas Reise zu den Samen findest du hier:
www.rosasreisen.de/die-samen-das-letzte-indigene-volk-europas/