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Outdoor-Geschichte(n)

Die kühne Weltreise
der Miss Annie Londonderry

Ein Skandal auf zwei Rädern: 1894 steigt eine ­junge US-Amerikanerin mit Korsett und Kleid auf ein Rad, um die Welt zu umrunden. Ohne Geld und ohne ­politische Mission. Dafür mit großem Freiheitsdrang und ­großartiger Fabulierkunst.


TEXT: Sissi Pärsch

Outdoor Geschichte(n): Annie Londonderry mit dem Rad um die Welt

Langeweile, so sagt man, ist der Nährboden für Kreativität. Viel Leerlauf und Muße wird Annie Cohen Kopchovsky 1894 in Boston nicht gehabt haben. 24 Jahre alt, Anzeigenverkäuferin, Mutter dreier Kinder, Frau eines Hausierers. Gelangweilt ist Annie jedoch von der Vorhersehbarkeit ihres Lebens – von der häuslichen Enge, von den Geburten im Jahrestakt. Sie möchte ausbrechen. Und das tut sie. 1895 titelt die »New York World« über ihr Abenteuer: »Die außergewöhnlichste Reise, die jemals von einer Frau unternommen wurde.« Von einer Frau aus der Arbeiterschicht. Und von einer Frau auf einem Fahrrad.

Annie ist fünf Jahre alt, als ihre Familie aus Litauen in die USA emigriert. In das Land, das das Versprechen macht, man könne sich neu erfinden. Ende des 19. Jahrhunderts mischt sich unter den amerikanischen Traum vom materiellen Aufstieg auch der Traum von individueller Verwirklichung. Und plötzlich gibt es da mit dem Fahrrad auch noch eine neue Mobilitätsform. Ein Gefährt, das jede und jeder selbst steuern kann.

Wie sie ihrem Mann Max 1894 vermittelt, dass sie statt eines vierten Kindes eine 15-monatige Weltreise auf dem Fahrrad plane, ist leider nicht überliefert. Seinen Segen scheint sie jedoch bekommen zu haben (und 1897 kam auch noch ein weiteres Kind zur Welt). So steigt sie im Juli 1894 auf ein circa 19 Kilogramm schweres Fahrrad der Marke Columbia, um als erste Frau auf diesem Gefährt die Welt zu umrunden. Annie ist keine Sportlerin. Sie ist auch keine politisch engagierte Feministin. Sie ist eine Frau mit großem Selbstverwirklichungsdrang – und großem Selbstvermarktungstalent.

In den Zeitungen von San Francisco bis New York finden sich über ihre Reisezeit hinweg einige Berichte. Die Frage ist jedoch, wie viel davon den Tatsachen entspricht, denn Annie weiß sich zu inszenieren. Sie weiß die Sensationspresse und das Publikum mit packenden Geschichten zu unterhalten.

Sie hält Hunderte von Vorträgen, die für sie auch eine wichtige Geldquelle sind. Und dabei erzählt sie von 150 Heirats­anträgen, die sie abgelehnt habe. Von Kämpfen mit Straßen­räubern zwischen Paris und Marseille. Oder noch spektakulärer: von der Jagd auf Bengal-Tiger in Indien und den Schlachtfeldern des Ersten Japanisch-Chinesischen Krieges, »in dem sie näher daran war, getötet zu werden, als alle anderen«, wie der »Arizona Republican« berichtet. Nur hat Annie viele der Schauplätze ihrer Abenteuer nachweislich gar nicht betreten oder befahren.

Fantasievolle Fahrradpionierin

Während Annie auf dem amerikanischen Kontinent das Fahrrad nutzt, ist ihr ausdrücklich erlaubt, einen großen Teil der Strecke auch auf dem Wasser zurückzulegen. Wer die Regeln vorgab? Zwei Geschäftsmänner, die überhaupt erst der Auslöser für Annies Abenteuer waren. Immer wieder erzählt Annie der Presse von der ausschlaggebenden Wette: Die beiden hätten über die »New Woman«-Bewegung diskutiert – über diesen modernen Frauenschlag, der auf Unabhängigkeit pocht und behauptet, Frau wäre zu all dem imstande, was Mann kann.

Einer der Geschäftsmänner, »the woman hater«, hätte 10 000 Dollar darauf gewettet, dass es eine Frau definitiv nicht schaffen würde, auf dem Rad die Welt zu umrunden. Sein Gegenpart machte sich also angeblich auf die Suche und fand Annie. Und einen Tag später soll Annie dann – ohne jemals zuvor auf einem Rad gesessen zu haben – angetreten sein, um das Gegenteil zu beweisen. Eine gute Geschichte. Aber eben eine fiktive.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts rückt die Welt näher zusammen. Dampfschiffe überqueren den Atlantik, 1866 verbindet das erste dauerhafte Unterseekabel Europa mit Amerika und das erste Telegramm wird verschickt. Drei Jahre später wird in den USA die erste transkontinentale Bahnlinie fertiggestellt. Zugleich wächst die Arbeiterklasse im Zuge der Industrialisierung rasant – und mit ihr die Unzufriedenheit über Arbeitsbedingungen und Klassengesellschaft. Gewerkschaften formieren sich und werden zur ernst zu nehmenden gesellschaftlichen Kraft.

So repräsentiert auch Annie Kopchovsky das aufkeimende Selbstbewusstsein der unteren Schicht, die sich ihrer Rolle nicht mehr fügen möchte. Die Welt ruft nicht mehr nur noch die Wohlhabenden, sondern auch die junge Einwanderin aus der Bostoner Arbeiterklasse – und die ist raffiniert genug, um sich ihren wilden Abenteuerritt zu finanzieren.

Annies Gespür für PR-Arbeit ist womöglich ihrem Hintergrund im Anzeigenverkauf geschuldet. Schon vor ihrem Start sichert sie sich mit der Mineralwasser-Marke Londonderry Lithia Spring Water Company aus New Hampshire ihren ersten Hauptsponsor. Das Logo wird am Fahrrad fixiert – und Annie hat da noch so eine Idee: Sie übernimmt den Namen und tritt ihre Reise offiziell als Miss Annie Londonderry an. Dass sie damit auch ihren jüdischen Namen und Familienstatus ablegt, mag ebenfalls eine Rolle gespielt haben.

Outdoor Geschichte(n): Annie Londonderry mit dem Rad um die Welt

Die Befreiung von Korsett und Kleid

Weitere Sponsoren werden an die Kleidung geheftet und Annie wird schon auf dem ersten Abschnitt ihrer Fahrt zur rollenden Litfaßsäule. Nach acht Tagen kommt sie in New York an und pausiert direkt ein paar Wochen. Vor allem aber befreit sie sich von Korsett und Kleid und schlüpft in Bloomers. Die an den Knien zusammengeraffte Pumphose wurde nach der Frauenrechtlerin Amelia Bloomer benannt.

Das weibliche Modediktat ist für Radfahrerinnen nicht nur extrem unpraktisch und beschwerlich, es ist zudem ein großes Sicherheitsrisiko. Annies Columbia-Rad hat noch keinen Leerlauf. Das heißt, die Pedalen drehen sich stets mit – auch bergab. Sollten Stoff oder Beine in den Weg kommen, kann das gefährlich enden. Das ist auch bei ihrem neuen Fahrrad nicht anders, dem deutlich leichteren Modell von Sterling Cycle Works, auf das sie in Chicago umsteigt.

Es ist bereits September, als Annie Chicago erreicht, und ihr wird bewusst, dass sie es mit dem nahenden Winter wohl kaum mehr durch die USA schaffen wird. So dreht sie um, fährt zurück nach New York und steigt dort in ein Schiff nach Frankreich. Auch hier zieht Annie Aufmerksamkeit auf sich. »Ich wurde zur Werbesensation in Paris und für meine Arbeit gut bezahlt«, berichtet sie dem »Richmond Dispatch«. Weiter geht es dann mit dem Schiff von Marseille durch den (1869 eröffneten) Suezkanal nach Kalkutta, Singapur, China und Japan. Entgegen ihren schillernden Berichten steigt sie dabei wohl nur in Hafenstädten für Exkursionen aufs Rad.

Das Jahrzehnt des Bicycle Craze

Am 23. März landet Annie wieder in den USA. Sie fährt von San Francisco zunächst gen Süden und trifft pünktlich zum größten Rad-Event Kaliforniens mit über 1500 Teilnehmenden in Los Angeles ein. Annie tritt dort als Ehrengast auf.

Die 1890er-Jahre sollten in den USA als »Bicycle Craze«-­Dekade in die Geschichte eingehen. Bis Mitte der 1880er ist das Radfahren auf Hochrädern, den sogenannten Penny Farthings, ein gefährlicher Sport für junge, wohlhabende Männer. Mit der Erfindung des »Safety Bicycle«, dem »Niedrigrad« mit gleich großen (beziehungsweise kleinen) Rädern, Luftreifen und Kettenantrieb, ändert sich alles: Das Fahrrad wird stabil und für jeden und jede fahrbar. Es verspricht allen Gesellschaftsschichten Zugang zur Mobilität – ohne Pferd und ohne Kutsche. Und es wird zu einem der wichtigsten Instrumente der Emanzipation. »Alle Mädchen sind in diesem Frühling Fahrradfahrerinnen«, urteilt der »St. Paul Daily Herald« im April 1895. »Manche Mädchen fahren nur einmal am Tag. Andere haben ohne ihre morgendliche Runde keinen Appetit auf das Frühstück.«

Annie mag nicht wie die Suffragetten in Washington D.C. für das Frauenwahlrecht kämpfen, aber ihre Vorträge laufen unter dem Titel »The New Woman on a Tour« und »The Hawaiian Gazette« überschreibt ihre erfolgreiche Heimkehr im September 1895 als »Die Heldentat eines Bloomer-Mädchens«. Ein Jahr später sagt Susan B. Anthony, eine der größten Frauenrechtsaktivistinnen der Zeit, ihren berühmten Satz: »Ich glaube, das Radfahren hat mehr zur Emanzipation der Frau beigetragen als alles andere auf der Welt.«

Es mag eine gute Portion Münchhausen in ihr gesteckt haben. Sie mag »nur« um die 12 000 Kilometer der etwa 42 000 Reisekilometer auf dem Fahrrad zurückgelegt haben. Aber Annie Cohen Kopchovsky alias Miss Londonderry hat mit ihrer Weltumrundung eine enorme körperliche Leistung erbracht und wurde zur Vorreiterin der Gleichberechtigung – sowohl für die Arbeiterklasse ihrer Zeit als auch für die moderne Frau. Das Interesse an ihr flaute allerdings bald ab. Eine Zeitlang heuerte sie Joseph Pulitzer, Stifter des berühmten Medienpreises, für seine »New York World« an. Doch eine Reporterkarriere sollte es für Annie nicht werden. Sie führte später ein Bekleidungs­geschäft in New York und verstarb 1947.

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