Planer: Trekking »Peaks of the Balkans«

Gut geplant ist halb gewonnen! Deine große Reise beginnt nicht erst am Flughafen, sondern schon bei der Vorbereitung. Alles was du für ein Trekking auf dem »Peaks of the Balkans«-Trail wissen musst, erklären wir in diesem Artikel.

Inhalt:

Globetrotter Infos: Albanien, Kosovo, Montenegro

Sprachen: Albanisch, Serbisch, Montenegrinisch
Einwohner: Albanien: 2,8 Millionen; Kosovo: 1,8 Millionen; Montenegro: 621.000
Größe: Albanien: 28,748 km²; Kosovo: 10.877 km²; Montenegro: 13.812 km²
Bevölkerungsdichte: Albanien: 104 Einwohner pro km²; Kosovo: 175,4 Einwohner pro km²; Montenegro: 46 Einwohner pro km² (Deutschland: 233 Einwohner pro km²).
Geld: Albanien: Lek; Kosovo: Euro (€); Montenegro: Euro (€)
Zeitverschiebung: keine.
Reisezeit: Beste Wanderzeit ist der Sommer.
Reisebudget: Etwa 60 € pro Tag plus Anreise.

2 Fakten zu den Peaks of the Bakans

1) Die Republik Kosovo hat ihre Unabhängigkeit 2008 erklärt und wird derzeit von 115 Ländern als unabhängiger Staat anerkannt – und von 78 nicht. Übrigens sagen die Kosovo-Albaner selber nicht »Kosovo«, wie Du es möglicherweise gewohnt bist, sondern »Kosova«.

2) Eine eigene Währung hat von den drei Peaks-of-the-Balkans-Ländern nur Albanien: den Lek. Ein Euro sind ungefähr 100 Lek. Im Kosovo und in Montenegro ist der Euro als Währung übernommen worden.

Was ist der spezielle Reiz des Peaks of the Balkans Trail?

Wer ab und zu länger in den Bergen unterwegs ist und für ein paar Tage nur das Nötigste im Rucksack hat, wird das Gefühl kennen, ein saftiges Stück Wassermelone oder einen kühlen Becher Haselnussjoghurt mit anderen Augen zu sehen als zu Hause, wo beides beim Supermarkt in 300 Metern Entfernung jederzeit erhältlich ist. Hier oben eben nicht. Wenn der Verzicht auf ständigen Zugang zu Melone ein sehr kleiner Schritt raus aus der sogenannten Komfortzone ist, ist der Aufbruch auf den Peaks of the Balkans ein etwas größerer. Als ich in Theth die ersten Meter des Weges durch die albanischen Alpen unter den Schuhen hatte, wusste ich nicht, was ich in den nächsten Tagen erleben, wo ich schlafen, wen ich treffen, ob und was ich zu essen bekommen würde. Es mag ein bisschen nervös machen, wenn es in Bergdörfern am Peaks of the Balkans wenig offizielle Unterkünfte und wenig Übung im Umgang mit Touristen gibt – aber der Lohn für das Gefühl der Verletzlichkeit, das du dann empfinden magst, ist das Gefühl von Lebendigkeit.

Wie lang ist der Peaks of the Balkans Trail und wo führt er entlang?

Der Peaks of the Balkans Trail beginnt im nördlichen Albanien, führt durch den westlichen Kosovo und über den Südosten Montenegros zurück zum Ausgangsort Theth. Insgesamt hast du 192 Kilometer Wanderpfad vor dir, erreichst auf 2256 Metern am Jelenkapass im Kosovo das Dach der Tour und auf 690 Metern kurz hinter Valbona in Albanien das Souterrain. Wer noch höher hinaus möchte, bitte sehr: Das Prokletije-Gebirge hat eine ganze Menge Berge mit einer Höhe zwischen 2500 und knapp 2700 Metern zu bieten. Die Berge hier werden auch als »Verwunschene Berge« bezeichnet, das ganze Gebirge gilt als wild und zerklüftet. Du wanderst oft über der Baumgrenze, auf Grasrücken mit weiter Aussicht, dann wieder durch weite Wälder. Es ist wirklich nicht so, dass du in den verwunschenen Bergen von einem Dorf ins nächste spazierst. Aber gerade wenn du nach einem Tag zwischen Schlüsselblumen und Schmetterlingen eventuell beginnst, dich nach Menschen zu sehnen, kommt meistens ein Bergdorf, und in denen ist zumindest im Sommer überraschend viel los.

Wieviel Tage benötigt man für den Peaks of the Balkans Trail?

Klare Sache: Zehn Etappen ergeben zehn Wandertage. Bei 192 Kilometern Gesamtlänge ist die durchschnittliche Etappe mit gut 19 Kilometern natürlich nicht gerade kurz, wenn man das Auf und Ab dazu rechnet. Aber am Interessantesten wird es vielleicht ja auch, wenn eine Planänderung eintritt und Du ganz woanders übernachtest, als Du gedacht hattest, z. B. weil du einmal falsch abgebogen oder irgendwo eingeladen worden bist.

Kann man auch nur einzelne Abschnitte laufen?

Ska problem! Das ist albanisch, hört man auf dem Peaks of the Balkans häufig, heißt »Kein Problem« und ist auch die zutreffende Antwort auf die Frage nach der Möglichkeit, den Weg abschnittsweise zu gehen. Möchtest du zum Beispiel nicht zehn Etappen wandern, sondern nur sechs oder sieben, kannst du auf den nördlichen Teil des Weges verzichten und dich ohne Probleme schon auf der Höhe von Babino Polje wieder gen Süden wenden. Denn der Peaks of the Balkans ist ein nicht ganz runder Rundweg, und an dieser Stelle sind Hin- und Rückweg auf ein paar Kilometern identisch. Du musst auch nicht in Albanien starten, sondern kannst Plav in Montenegro oder Peje im Kosovo zu den Ausgangsorten deiner Tour machen, wobei Plav direkt an der Route liegt und Peje am Ende des Rugovatals, von wo aus du den Bus bis hinauf nach Kucishtë nehmen kannst – wenn du von hier los- und bis nach Theth läufst, sind es vier Etappen.

Für wen ist der Peaks of the Balkans ein realistisches Ziel?

Der Peaks of the Balkans ist ein Wanderweg, und es gibt keine Stellen, an denen du denken wirst: Hätte ich mal Klettersteigausrüstung und einen Helm dabei. Alles easy. Von daher: Wer gerne von morgens bis abends wandert, eine einigermaßen brauchbare Grundlagenausdauer mitbringt und Lust auf ein paar Höhenmeter hat, kann den Peaks of the Balkans gehen. Nicht ganz unwichtige Skills sind für den Peaks of the Balkans außerdem: Offenheit, Neugier, Unvoreingenommenheit, Abenteuerlust. Es kann sein, dass du mal irgendwo übernachtest, wo es sich eher privat anfühlt, und es kann auch sein, dass die Leute dort zwar sehr nett zu dir sind, aber deine Sprache nicht sprechen, so dass du auch nicht fragen kannst, was da alles in der Suppe schwimmt. Es kann auch sein, dass dein Quartier im Sommerbergbauerndorf eigentlich eher ein Schafstall zu sein scheint, dass die Hirtenhunde nachts nervös sind wegen des Wolfsgeheuls, und dass du mit einer Pistole irgendwo in die Botanik schießen sollst, wegen der Freude daran. Wenn das für dich alles okay klingt, bist Du auf dem Peaks of the Balkans genau richtig.

Wann ist die beste Reisezeit für den Peaks of the Balkans?

Am sichersten kannst Du Dir von Anfang Juli bis Ende August sein, dass die Wanderwege und Pässe schneefrei und alle Bergdörfer belebt sind. Im Juni blühen zwar die Krokusse, aber es kann in höheren Lagen noch einiges an Schnee auf den Wegen haben. Gegen Mitte September sind die Bergbauernfamilien mit ihren Herden schon wieder in die Täler gezogen, die hoch gelegenen Dörfer sind verlassen, und die Heidelbeeren, die jetzt reif sind, sind für die Krähen – oder eben für den Wanderer, der jetzt noch sein Zelt hier oben aufschlägt, und den gerade diese Einsamkeit reizt.

Brauche ich ein Permit für den Peaks of the Balkans Trail?

Nein. Aber wenn Du den Weg vollständig gehst, bist Du durchaus immer mal mit einem Bein im einen und dem anderen im anderen Land: Erst von Albanien in den Kosovo, dann vom Kosovo nach Montenegro und dann von Montenegro zurück nach Albanien. Schau am besten mal auf der Seite Cross Border Procedures nach. Hier gibt’s ein paar Information und Kontaktadressen, die Dir möglicherweise helfen. Mit offiziellen oder offiziell wirkenden Dokumenten in der Tasche geht es sich einfach noch etwas unbeschwerter. Bei meinen Touren auf dem Peaks of the Balkans bin ich beim Überqueren der grünen Grenzen allerdings kein einziges Mal einem Beamten begegnet, geschweige denn einem Beamten, der Ausweispapiere oder Genehmigungen kontrollieren wollte.

Was muss ich an Logistik vorbereiten?

Wenn Du ganz klassisch in Theth loswandern möchtest, kannst Du zum Beispiel Folgendes machen: Nach Tirana fliegen, von Tirana mit dem Bus nach Shkodra und von Shkodra mit dem nächsten Bus nach Theth fahren. Die Fahrt von Shkodra über die Berge bis nach Theth, die ungefähr zwei Stunden dauert, war bis vor ein paar Jahren noch etwas abenteuerlich, weil es nur eine Schotterpiste und keine Busverbindungen gab, so dass man sich irgendwie eine Jeep-Mitfahrgelegenheit organisieren musste. Inzwischen ist die Straße aber asphaltiert, und anscheinend fährt täglich um sieben Uhr morgens ein Minibus nach Theth, was für Wanderer ja eine tolle Sache ist, weil sie dann gleich nach der Ankunft in Theth loswandern können und noch genügend Zeit für die erste Etappe haben. Natürlich gibt es auch andere Wege, um nach Theth zu kommen: Schön soll zum Beispiel die Bahnstrecke von München nach Podgorica sein, von wo aus Du mit dem Bus weiter nach Shkodra fahren kannst. Und natürlich gibt es auch die Möglichkeit, nach Podgorica zu fliegen, um von dort mit dem Bus nach Shkodra oder auch nach Peje im Kosovo weiterzufahren, von wo es dann nur eine kurze weitere Busfahrt bis Kucishtë am Peaks of the Balkans ist.

Wie orientiere ich mich auf dem Peaks of the Balkan Trail?

Auf den Etappen des Peaks of the Balkans, die in Albanien liegen, siehst Du viele weiß-rot-weiße Wegmarkierungen, so dass es eher schwierig ist, sich zu verlaufen. Im Kosovo, wo es hier und da auch braune Wegweiser mit Distanz- und Zeitangaben gibt, und vor allem in Montenegro sieht das schon ein bisschen anders aus, denn hier sind die Markierungen zum Teil etwas rar. Was Du im Rucksack haben solltest, wenn Du auf dem Peaks of the Balkans wanderst: Die im Huber-Verlag im Jahre 2021 in neuer Auflage erschienene und speziell für den Weg erstellte Karte. Eine detaillierte Beschreibung sämtlicher Etappen findest Du in meinem im Conrad Stein Verlag erschienenden Wanderführer. Und für alle, die den Weg ganz genau wissen wollen, bietet der Verlag auf seiner Website den entsprechenden GPS-Track zum Download an. Mit Hilfe von Apps wie maps.me dürfte die Navigation mittlerweile vermutlich noch einfacher fallen. Ich selber habe mich übrigens bestimmt sechs oder sieben Mal verlaufen, als ich das erste Mal auf dem Peaks of the Balkans unterwegs war, einmal sogar so schlimm, dass mich ein Forstarbeiter, der nicht verstanden hat, wohin ich wollte, zu einem im Wald lebenden Boxer gefahren hat, bei dem ich dann übernachtet habe, ehe ich am nächsten Tag auf irgendwelchen halbsichtbaren Pfaden nach Plav gewandert bin. Worauf Du Dich nicht unbedingt verlassen solltest, sind die Tipps der lokalen Bevölkerung, die Dir meistens einfach den allergeradesten oder allerasphaltiertesten Weg empfehlen, weil nicht jedem hier oben sich der Zauber des Wanderns ohne Weiteres erschließt.

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Wie verpflege ich mich auf dem Peaks of the Balkans Trail?

Lebensmittelläden, Restaurants und Cafés gibt es auf dem Peaks of the Balkans eigentlich nur in einem Ort: Plav in Montenegro. In den anderen Etappenorten bekommst Du dort zu essen, wo Du übernachtest – und das reichlich, nahrhaft, gesund und regional. Neben Abendessen und Frühstück gibt’s hier dann auch Proviant für den kommenden Wandertag: Selbst gebackenes Brot, eigener Käse, Tomaten und Gurken aus dem Gemüsegarten. Wenn Du mit dem Zelt unterwegs bist und also auch mal fernab von Dörfern schläfst, ist’s sicher nicht verkehrt, ein paar Grundnahrungsmittel von zu Hause aus mitzubringen oder in Shkodra zu kaufen – denn die Möglichkeit, auf vertraute Weise die Reserven wieder aufzustocken, indem Du einfach in den nächsten Supermarkt gehst, gibt es auf den meisten Etappen des Peaks of the Balkan nicht.

Wie übernachtet man auf dem Peaks of the Balkans Trail?

Du kannst zum Beispiel Dein Zelt mitnehmen und musst Dir keine Sorgen machen, ob Du schöne Zeltmöglichkeiten findest – es gibt zwar keine offiziellen Zeltplätze, aber Du darfst überall zelten, solange Du Privatgrundstücke respektierst, und selbst dort wird man es Dir in der Regel gestatten, wenn Du fragst. Hoch oben am Pass zwischen Theth und Valbona vor dem Zelt sitzen und unten im Tal die Lichter der Hirten sehen – das hat was. In den meisten Etappenorten – vor allem in Theth, im Rugova-Tal und in Plav – gibt es Hotels oder Guesthouses. Aber auch in den kleinen Dörfern gibt es Übernachtungsmöglichkeiten. Es tut sich in dieser Hinsicht ständig etwas am Peaks of the Balkans, und auch in Orten wie Milishevc oder Vusanje, wo es in dieser Hinsicht vor ein paar Jahren noch ein bisschen dünn war, weist auch das Internet inzwischen mehr als nur eine Unterkunft aus, die sogar über Booking.com & Co. gebucht werden können.

Wie schwer wird mein Rucksack sein?

Als ich vor gut 20 Jahren meine erste Fernwanderung durch die Alpen und nach Venedig gemacht habe, hatte ich bestimmt über 20 Kilogramm auf dem Rücken, saubere Jeans und ordentliche Schuhe inklusive. Inzwischen hat sich herumgesprochen: Je weniger Gewicht, desto mehr Freude am Wandern. Das gilt auch auf dem Peaks of the Balkans, und es gibt auch keinen Anlass, den Rucksack für den Peaks of the Balkans stärker zu befüllen, als wenn Du zu einer Wanderung in die österreichischen oder schweizerischen Alpen aufbrichst. Klar, wenn Du ein Zelt, einen Kocher, einen Schlafsack und eine Isomatte mitnimmst, wird es ein bisschen schwerer, aber auch diese Sachen gibt’s ja mittlerweile in sehr leichten Ausführungen. Und bei einer Etappendurchschnittslänge von ungefähr 20 Kilometern lohnt es sich besonders, leicht zu packen. Ob Du einen Rucksack mit 20, 30 oder 45 Litern Volumen nimmst, hängt sicher auch ein bisschen davon ab, wie sparsam Du in Sachen Ersatzwäsche bist, wie groß Deine Kulturtasche ist, und wie dick der Roman ist, den Du abends lesen möchtest – alles Geschmacksache.

Was muss ich von zu Hause mitnehmen und was kann ich vor Ort noch einkaufen?

Eine Grundausstattung mit Lebensmitteln kannst Du gut noch in Tirana oder Shkodra im Supermarkt oder auf dem Wochenmarkt kaufen. Deine Wanderausrüstung solltest Du aber vollständig von zu Hause mitbringen. Mir wäre jedenfalls nicht bekannt, dass Du vor Ort problemlos Outdoor-Equipment wie Schlafsack, Zelt, Isomatte, Kocher oder Wanderrucksack kaufen kannst.

Trifft man unterwegs viele Leute?

Jedenfalls in den Sommermonaten sind alle Etappenzielorte bewohnt, so dass es keine Tage geben wird, an denen Du niemandem begegnest. Es geht auf dem Peaks of the Balkans aber auch nicht zu wie auf dem Jakobsweg, und die ruhigen Abschnitte, in denen du nur die Bienen über die sehr bunten Alpenwiesen summen und die Vögel zwitschern hörst, sind eindeutig in der Überzahl. Aber dann kommen sie auf einmal, die Begegnungen mit den Menschen, die hier leben, und die den Weg besonders machen: Der Mann, der irgendwo vor dem Valbona-Pass eine Kaffeestation betreibt; die beiden Kumpels, die Wodka trinkend kurz vor Doberdol sitzen und darauf bestehen, dass du ihren Revolver ausprobierst; die alte Bäuerin in Cerem, der du beim Kühe einfangen hilfst; die Schlüsselblumensammlerinnen irgendwo mitten in den Bergen; und natürlich der Bergbauer an der Gropa Memima, der Dich mit seiner vielköpfigen Familie fotografiert, und zwar nicht ohne vorher dem kleinsten Sohn das längste Gewehr in die Hand zu drücken, extra fürs Foto. Vielleicht hat es mit dem Kanun zu tun, dem albanischen Gewohnheitsrecht, in dem der Gastfreundschaft ein hoher Rang zukommt, dass die Menschen hier oben freundlich zu Wanderern sind. Jedenfalls kann ich mich an keine einzige unangenehme Begegnung auf dem Peaks of the Balkans begegnen.

Ist der Peaks of the Balkan gefährlich?

Es kann mal ein Sommergewitter geben, und Gewitter sind in den Bergen nicht zu unterschätzen. Aber die albanischen Alpen gelten nicht als notorisches Gewittergebirge. Natürlich kann es auch hier weit oben überraschend kalt werden – als ich einmal im September auf dem Peaks of the Balkans unterwegs war, hat es bei Babino Polje plötzlich geschneit, und ich war froh, Handschuhe und Mütze eingepackt zu haben. Was Tiere angeht, gibt es ein paar giftige Schlangenarten, so dass du Grasberghänge vielleicht besser nicht barfuß hochwanderst. Aber die Schlangen legen es auf Begegnungen mit Menschen absolut nicht an und hauen ab, wenn sie merken, dass du dich näherst. Das gilt auch für Bären, von denen es hier zwar welche gibt, aber nicht gerade viele: Wenn man die drei Länder zusammenzählt, durch die der Peaks of the Balkans führt, wohl irgendetwas im mittleren dreistelligen Bereich. Und Wölfe? Mit Glück hörst du nachts mal welche heulen, aber zu sehen wirst du sie kaum bekommen. Die gefährlichsten Tiere am Peaks of the Balkans sind wahrscheinlich noch die Hirtenhunde. Denn ab und zu kann es sein, dass du einer Schafherde begegnest, die von ein paar wachsamen und ziemlich stabilen Hunden zusammengehalten wird. Wenn es dazu kommen sollte, wäre es nicht so schlau, auf Teufel komm raus mitten durch die Herde zu gehen, denn das mögen die Hunde gar nicht. Schau in diesem Fall am besten, dass der Hirte auf dich aufmerksam wird oder umwandere die Herde einigermaßen großräumig.

Was sind die härtesten Passagen?

Technisch betrachtet gibt es keine schweren Passagen. Meistens gehst du auf Wanderpfaden, manchmal auch auf Forstwegen, und selbst wenn Du nicht komplett trittsicher oder schwindelfrei bist, kannst du den Peaks of the Balkans gehen. Am letzten Tag gibt es auf dem Abstieg zurück nach Theth Abschnitte, auf denen Du Dich nicht in den einen oder anderen hier vorhandenen Abgrund stürzen solltest. Aber es ist bei weitem nicht so, dass Du Dich an diesen Abgründen entlanghangeln oder Dich an im Fels vorhandenen Drahtseilen festklammern müsstest.

Anstrengend kann es natürlich sein, am ersten Tag von Theth zum Valbona-Pass hochzugehen. Du bist wahrscheinlich noch nicht richtig im Wandertraining, und dann geht es gleich über tausend Höhenmeter nach oben – aber so ist das halt an ersten Wandertagen. Mit um die zwanzig Kilometer, sind die Etappen recht lang. Wer auch einmal ganz gemütlich durch die Albanischen Alpen spazieren möchte, ist vielleicht gut damit beraten, zwischendurch die eine oder andere Etappe zu halbieren.

Was kostet eine Fernwanderung auf dem Peaks of the Balkans?

Ein wesentlicher Anteil der Kosten entfällt – natürlich – auf An- und Abreise. Wenn Du aus Deutschland nach Tirana fliegst, bist Du mit ungefähr 500 € dabei, und die Fahrt mit dem Zug liegt in ähnlichen Dimensionen. Busfahrten von Tirana nach Shkodra und von Shkodra nach Theth machen den Kohl dann nicht weiter fett. Übernachtungen und Verpflegung schlagen über den Daumen gerechnet durchschnittlich mit vielleicht 60 € zu Buche. Planst Du z. B. eine zweiwöchige Tour, auf der Du den ganzen Peaks of the Balkans gehst, ohne hin und wieder für lau im Zelt zu übernachten, und rechnest dann noch ein kleines Polster für Unwägbarkeiten ein, scheinen Gesamtkosten in Höhe von 1500 € realistisch.

Du könntest Dir eine der Kullas anschauen, die es zum Beispiel in Theth zu besichtigen gibt. Das sind Türme, in denen von Blutrache Bedrohte sich manchmal extrem lange Zeit aufhielten, um ihr Leben zu schützen.

Überhaupt der Kanun: Neben dem Blutrache-Thema, das bis heute seine Relevanz hat, beinhaltet dieses Gesetzbuch für alle möglichen Bereiche des Lebens Regeln, die zum Teil denen nicht unähnlich sind, die wir aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch kennen. Ganz toll ist es, was darin darüber steht, wie Gäste behandelt werden sollen: Verkürzt gesagt ist jeder Schutzsuchende ein Freund, und ein Freund wird niemals abgewiesen, sondern es werden ihm Speis und Trank und ein Nachtlager angeboten, und zwar mit großer Freundlichkeit.

Anlässe, sich etwas mit der Geschichte der Region zu befassen, durch die Du wanderst, gibt es auch: Gedenksteine für UCK-Kämpfer erinnern Dich an den Kosovo-Krieg, und die kleinen verfallenen Bunker, die es im ganzen Land und manchmal auch mitten in den Alpen gibt, gehen auf Enver Hoxha zurück, den albanischen Diktator, der das Land bis 1985 regierte und aufgrund einer stärker werdenden Paranoia gegen vermeintlich bevorstehende Angriffe anderer Staaten hunderttausende der Bunker errichten ließ.

Vielleicht willst Du auch etwas lesen, das Dich auf die Albanischen Alpen einstimmt? Dann nimm doch vielleicht Der zerrissene April von Ismail Kadare. Darin begegnest Du dem Kanun. Erwarte keine zu heitere Lektüre. Aber sei Dir sicher: Der Balkan und seine Berge sind schön und bunt und lebendig.

Der Autor und sein Bezug zum Peaks of the Balkans Trail:

Jan Dohren, Reiseführer-Autor

Ein Gefühl dafür, wie frei und leicht es sich anfühlt, tagelang mit nichts als einem Rucksack auf dem Rücken und ein paar rotbackigen Äpfeln in der Tasche in den Bergen unterwegs zu sein, bekam Jan Dohren zum ersten Mal, als er kurz vor dem Ende der Schulzeit mit Freunden auf dem Traumpfad von München nach Venedig wanderte. Seitdem geht er immer wieder ins Gebirge. Auf seiner ersten Peaks-of-the-Balkans-Tour im Sommer 2013 fühlte er sich noch wie ein Wanderpionier, beim zweiten Mal ging das »Mirëdita« schon leicht über die Lippen, und seit dem dritten Mal grüßt man ihn im Imbiss von Plav per Handschlag.

Sein Wanderführer über den Peaks of the Balkans Trail ist im Conrad Stein Verlag erschienen.

Text: Jan Dohren
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